Der Gral spielte ebenso unterschiedliche Rollen in den diversen Geschichten, wo er auftauchte. In der Sage um Lancelot
(so wie auch in "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug") hat er wunderbare
Heilkräfte und lebensbewahrende Eigenschaften und kuriert Gawain von einer
durch eine magische Lanze verursachte Wunde.
In anderen Erzählungen ist er das Symbol von Gottes Gnade, jedermann verfügbar,
doch erreichbar nur für den geistig Reinen, und so muss der Held beweisen, dass
er seiner Gegenwart Wert sei. Im Artus-Zyklus ist der Ritter, der diese Eigenschaft
verkörpert, Galahad, Sohn des Lancelot und der Gralshüterin Elaine.
Die mittelalterlichen Schriften berichten auch über mystische Geheimnisse im
Zusammenhang mit dem Gral, die von einem suchenden Ritter erst aufgedeckt werden
können, nachdem dieser ein geborstenes Schwert repariert hatte. Diese Geheimnisse
waren vermutlich Bezüge auf das Mysterium der Heiligen Kommunion, besonders wenn
man berücksichtigt, dass die Kirche diese fiktiven Figuren und Ereignisse übernahm,
um die Ritterkaste zu kontrollieren und die christliche Doktrin zu verbreiten.
Allerdings lösten diese Anspielungen auf Geheimnisse und Mysterien viele Diskussionen
und Theorien aus über die Natur und die Aufenthaltsorte des Grals aus.
Obwohl diese Erzählungen vornehmlich ein französisches, englisches und deutsches
Phänomen waren, nahm auch Spanien gerechten Anteil am Gral-Pokal in Valencia und
Katalonien. Ein anderer "Gral" wurde Anfang des 20ten Jahrhunderts bei
Bride's Well in Glastonbury und ein weiterer in Wales gefunden; in den Dreißigern tauchten zwei
weitere in Palästina auf. Wie die Leser von "Sakrileg" wissen, gibt es außerdem
Gerüchte, dass er zur Zeit, was auch immer der Gral sein mag, in einem geheimen
Gewölbe bei der Rosslyn Chapel, südlich von Edinburgh in Schottland verborgenen ist.
Während des 19ten Jahrhunderts erwachte das Interesse an den Legenden um König
Artus erneut und inspirierte literarische Kreise. Ritterliche Begriffe wirkten
auf den viktorianische Geist ein, die das Mittelalter idealisierten. Lord Alfred
Tennyson schrieb seinen Arturianischen Zyklus "The Idylls of the King", Wagner
seine Oper "Parsifal", und die Grals-Sage lieferte den Stoff für viele Bilder
von Dante Gabriel Rossetti, Edward Burne-Jones und andere Angehörige der
Präraffaelitischen Bruderschaft.
Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts behielt der Gral seine rein religiöse
Bedeutung. Mit Beginn des 20ten Jahrhunderts nahmen die Gedanken zu, dass eine
Art geheimes Wissen eine Rolle spielen könnte.
Es war eine Zeit, da Geheimbünde und Logen wie die Rosenkreuzer, obwohl bereits
Jahrhunderte zuvor gegründet, populär wurden und zahlreiche Ableger und neue
Gruppen in Europa gegründet wurden. Einige Mitglieder dieser Gesellschaften, wie
etwas A. E. Waite, hatten ein aufrichtiges eigenes Interesse am Gral, auch wenn er nicht direkt Bestandteil
ihrer Rituale war. Waite fand eine Verbindung zwischen dem Gral und Symbolen,
die auf Tarot-Karten vorkamen. Er glaubte auch, dass es innerhalb der Christenheit
eine geheime Tradition gab, die sich um den Heiligen Gral drehe. Diese bezeichnete
er als "The Hidden Church of the Holy Grail".
Während des 20. Jahrhunderts tauchte der Gral in der Philosophie, im Neopaganismus,
in der Weltanschauung der New Age, in der Pop-Kultur und natürlich auch im Film auf.
Er war Gegenstand der mannigfaltigsten Streifen, die je gedreht worden sind:
"Parsifal", einer der ersten Stummfilme; dann zu etwas völlig anderem:
"Monty Python und der heilige Gral" (1975); und einer der beliebtesten
Abenteuerfilme "Indiana Jones and the Last Crusade" (1989). Der Gral erschien
in einiger der einflussreichsten Dichtung des Jahrhunderts, wie "The Wasteland"
von T.S. Eliot. Er war im Mittelpunkt von Forschung, die von der kulturellen
Anthropologie wie Jesse Westons "From Ritual to Romance" (1920) reicht bis zur
rein theoretischen und umstrittenen wie Graham Hancocks "The Sign and the Seal",
Noel Currer-Briggs´ "The Shroud and the Grail" (1987) und "Holy Blood, Holy Grail" (1982)
von Baigent, Leigh and Lincoln.
Dennoch bleibt das Mysterium um den Gral bestehen. Ist es der Pokal oder die Schale,
verziert mit kostbarem Geschmeide, wie in den mittelalterlichen Phantasien berichtet?
Oder ist es der einfache Becher des Zimmermans aus Indiana Jones? Ist es etwa gar
kein Gefäß im Wortsinne? Mary Magdalenes Überreste? Der Schrein, in dem das
Grabtuch aufbewahrt wurde? Oder die Suche nach innerer Weisheit und spiritueller
Reinheit? Wie auch immer, wenn es das Symbol für des Menschen Streben nach
Vollkommenheit wäre, dann kann die Suche weitergehen...